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Lautgetreues Schreiben

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Lautgetreues Schreiben

Gerade erst gab es in meinem Bekanntenkreis wieder die Diskussion um lautgetreues Schreiben. Viele Mütter sind anfangs total begeistert, weil die Kinder so schnell eigene Sätze schreiben können. Wer aber schon etwas ältere Kinder hat, weiß, wozu das führt und ist weniger begeistert. Manche Mütter fühlen sich bereits in der 3. Klasse überfordert, ihren Kindern beim Lernen zu helfen und das finde ich erschreckend.

Als Mutter von zwei Kindern habe auch ich so meine lieben Probleme mit dem lautgetreuen Schreiben.

Was bedeutet lautgetreues Schreiben?

Um den Kindern den Spaß am Schreiben nicht zu nehmen, dürfen sie in der ersten und teilweise sogar in der zweiten Klasse alle Wörter lautgetreu schreiben. Jegliche Korrektur ist unerwünscht. So weit so gut.

Lautgetreues Schreiben bedeutet, dass die Kinder rein nach ihrem Gehör schreiben dürfen, also jedem Laut ein Buchstabe zugeordnet wird.

Zum Beispiel:

Di Muta bekt einen Kuchen.

Di Kinda spilen fersteken.

Das Farad stet im Keler.

Na, alles verstanden?😊

Mit der Rechtschreibung kommen die schlechten Noten

Wenn dann ab der 2. oder gar erst ab der 3. Klasse allerdings die Rechtschreibregeln vorgestellt und gelehrt werden, fällt es den Kindern unheimlich schwer, Wörter, die sie über ein Jahr falsch schreiben durften, nun nach den Regeln richtig zu schreiben. Und ich verstehe sie vollkommen! Der Automatismus hat doch das falsche Wortbild bereits tief ins Gedächtnis eingebrannt. Und das Gehirn greift immer zuerst auf Bekanntes zurück, bevor es sich mit neuen Zusammenhängen auseinandersetzt. Also schreiben die Kinder die Wörter in den entsprechenden Übungen zum Thema oft richtig, sobald sie aber einen freien Text oder einen Aufsatz verfassen, bei dem sie sich auf den Inhalt konzentrieren, werden sie die alten, tief eingeprägten Wortbilder verwenden und der Text wird vor Rechtschreibfehlern nur so wimmeln.

Interessanterweise können sich die meisten Kinder kurz nach einer Übung gut selbst kontrollieren und entdecken ihre Fehler recht schnell und sicher. Lässt man aber ein wenig Zeit vergehen und gibt ihnen die eigene Übung ohne Wiederholung der Regel zur Kontrolle, bleiben viele Fehler unkorrigiert, weil sie vom Gehirn nicht als solche wahrgenommen werden.

Nachlassende Rechtschreibkompetenz oder falsche Didaktik?

Das Erlernen der Rechtschreibung soll laut Lehrplan mit der 4. Klasse abgeschlossen sein. Die Lehrer an den weiterführenden Schulen raufen sich oftmals die Haare aufgrund der nachlassenden Rechtschreibkompetenz der Schüler und somit entsteht der Eindruck, dass unsere Kinder immer dümmer werden. Aber das ist nicht der Fall! Ich stelle mich komplett vor die Kinder und rechtfertige ihre schwache Rechtschreibung mit der fehlgeleiteten Didaktik in der Grundschule. Warum haben denn plötzlich so viele Kinder eine Rechtschreibschwäche? Vielen Betroffenen kann dank sehr gut ausgebildeter Legasthenietrainer gut und effektiv geholfen werden. Zu mir kommen immer wieder Schüler mit diesem Verdacht, der sich sehr selten manifestiert. Bei 90 Prozent dieser Kinder sind einfach die in den ersten beiden Schuljahren frei wählbaren Schriftbilder im Gehirn gespeichert und lassen sich nur sehr langsam und mühevoll löschen und durch die richtigen ersetzen. Dabei sind es gar nicht so viele Regeln, die es zu beachten gilt.

  • Groß- und Kleinschreibung
  • nach kurzem Selbstlaut (Vokal) folgen zwei Mitlaute
  • nach langem Selbstlaut folgt nur ein Mitlaut
  • Getrennt- und Zusammenschreibung
  • Worttrennung

Ich selbst habe bei meinen Kindern von Anfang an Fehler in der Rechtschreibung korrigiert und ihnen stets die entsprechenden Regeln dazu erläutert. Auch hier setzt ein Automatismus ein. Etwas, dass ich hundert Mal gehört habe, bleibt haften. Nicht alle Lehrer waren damit einverstanden, aber ich kann aus über zwanzig Jahren Erfahrung im Bereich Nachhilfe nur sagen, es lohnt sich, sich quer zu stellen, denn spätestens in der 5. Klasse haben diese Kinder einen riesigen Vorteil. Das heißt nicht, dass sie tatsächlich komplett fehlerfrei schreiben, aber die wenigen Fehler stören nicht und führen auch nicht zu einer schlechteren Note.

Die Rechtschreibreform

„Das kann doch nicht so schwer sein, richtig zu schreiben!“, höre ich da einige sagen. Oh doch!

Ein gutes Beispiel ist die Rechtschreibreform. Wie lange haben Sie persönlich gebraucht, um die neuen Regeln für sich fehlerfrei umzusetzen und das bis dahin Gelernte zu löschen? Ich denke, dass es eine ganze Weile gebraucht hat, wenn es überhaupt schon komplett umgestellt ist.

Mein persönliches Beispiel: Ich begann mein Germanistik-Studium genau im Jahr der Rechtschreibreform 1996. Von Beginn an waren unsere Professoren gegen die Reform und so war es für uns Studenten eine kleine Herausforderung, alle Seminararbeiten bis zur Magisterarbeit in der alten Rechtschreibung abzugeben, denn die Computerprogramme korrigierten natürlich schon in der neuen Version.

Da ich also über fünf Jahre mit beiden Varianten gearbeitet habe, kenne ich die Änderungen ziemlich genau und doch stolpere ich immer wieder über Wörter, deren Neuschreibung mir unverständlich ist. Mittlerweile sind ja bei vielen Wörtern mehrere Schreibweisen zugelassen, was es aber auch nicht unbedingt leicht macht. Die großen Tageszeitungen haben sogar eine eigene Hausorthografie, das heißt, sie schreiben nach ihren eigenen Regeln. Auch die Werbung macht sich gezielte Falschschreibung oft zu Nutze und auch das prägt sich bei Kindern ein.

Manche Eltern vermitteln ihren Kindern noch heute die alten Regeln und diese schreiben dann in einer Rechtschreibprobe eine schlechtere Note, weil sie ck trennen oder st ungetrennt lassen.

Was tun?

Ich als Mutter habe mich dazu entschieden, das Erlernen der Rechtschreibung bei meinen Kindern genau zu beobachten und von Anfang an zu korrigieren. Allein das mündliche Wiederholen der wichtigsten Regeln hat dazu geführt, dass sie zumindest darüber nachdenken, nach welcher Regel ein Wort geschrieben wird.

Ich muss auch die Grundschullehrer in Schutz nehmen, da sie sich ja auch nur an die Vorschrift halten, den Lehrplan wie gefordert umzusetzen. Gleichzeitig möchte ich allen Lehrern ein großes Lob aussprechen, die sich nicht ganz genau daran halten und von Beginn an die richtige Schreibung vermitteln. Es gibt nämlich auch Klassen, in denen die Kinder bereits nach vier Monaten im 1. Schuljahr Wörter wie Donnerstag und Weihnachten richtig schreiben können!

  • Falls Sie die neue Rechtschreibung noch nicht beherrschen, setzen Sie sich einfach mal damit auseinander.
  • Sprechen Sie mit der Lehrerin / dem Lehrer über Ihre Sorgen und Bedenken und handeln Sie einen Kompromiss aus. Wenn die Lehrkraft nicht korrigieren möchte, tun Sie es.
  • Beobachten Sie, welche Wörter ihr Kind besonders häufig falsch schreibt. Wird das Wort immer gleich falsch geschrieben oder ändert sich die Schreibweise jedes Mal? Erklären Sie Ihrem Kind die entsprechende Regel.

Als kleine Hilfestellung habe ich die allerwichtigsten Regeln der deutschen Rechtschreibung hier zusammengestellt.

Zum Üben

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